Leichtathletik Weltmeisterschaft Berlin
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Leichtathletik WM 2009 Berlin

WM-News, Zeitplan, Preisgelder, Statistiken



Abel Kirui Marathon Weltmeister unterm Brandenburger Tor.
Marathon Männer (22.8.2009)

Kenia dominiert Marathon: Kirui Weltmeister und Weltcupsieg

Vor 20 Jahren war im Zentrum von Berlin noch der Todesstreifen. Wer hätte gedacht, dass unmittelbar hinter dem Brandenburger Tor einmal der Zieleinlauf einer Marathon Weltmeisterschaft sein würde? Der vom Berlin City Marathon abweichende Vierrundenkurs führt an allen Berliner Sehenswürdigkeiten außer dem Olympiastadion vorbei. Somit musste man auch erstmals bei einer WM auf den klassischen Einlauf in das Stadionoval verzichten. Doch das Brandenburger Tor ist sicherlich ein toller und auch würdiger Ersatz. Der Zuschauerzuspruch des marathonerprobten und begeisterungsfähigen Berliner Pulblikums war gut. Nur hier und da waren beispielsweise im Tierpark Lücken.

WM ohne Gebrselassie und Wanjiru

Nach dem vorzeitigen Abwinken der Schnellsten war der Ausgang offen. Haile Gebrselassie kehrte Berlin nicht den Rücken, wollte aber lieber auf die Weltrekordjagd einen Monat später beim City Marathon gehen. Unverständlich für mich, warum der Äthiopier die direkten Vergleiche bei den Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen mittlerweile scheut. Ein Marathontitel wäre der letzte Schliff an seiner grandiosen Karriere. Der Olympiasieger Samuel Wanjiru hat ihm das bereits voraus. Dem Halbmarathonweltrekordler aus Kenia fehlt in seiner Sammlung aber noch der Marathon Weltrekord. Den möchte er, die Vorstellung von Haile in Berlin abwartend, dann einige Wochen später in Chicago holen. Leicht wird es für Haile beim City Marathon nicht werden, denn auch der Zweitschnellste aller Zeiten Duncan Kibet aus Kenia wird in der Bundeshauptstadt gegen den Weltrekordler antreten. Ebenfalls nicht am Start war der Titelverteidiger Luke Kibet aus Kenia und der zweifache Weltmeister Jaouad Gharib aus Marrokko.

Deutsche eher mit Teamambitionen

Somit war es die Chance der bisher noch nicht so hoch dekorierten Läufer. Bei sonnigem Wetter und eher günstigen Temperaturen von 17 bis 22 Grad machten nach dem Start am Brandenburger Tor zunächst wie erwartet die Afrikaner das Tempo, allen voran die Äthiopier und Dieudonne Disi aus Ruanda. Die Durchgangszeit von 15:09 Minuten bei fünf Kilometern für die Spitze war noch nicht so atemberaubend. Die "deutsche Gruppe" mit André Pollmächer, Martin Beckmann und Falk Cierpinski ließ es vernünftigerweise langsamer angehen und lief in 15:44 Minuten durch. In der Einzelwertung konnte man von den Deutschen höchstens eine Überraschung erwarten, aber sie wollten zusammen mit Tobias Sauter vor heimischem Publikum eine solide Mannschaftsleistung abliefern. Bis zu fünf Läufer konnten je Nation nominiert werden.

Äthiopier drücken auf die Tube

An der Spitze wurde fortan das Tempo verschärft. Der Abschnitt von fünf auf zehn Kilometer wurde v.a. unter dem Diktat der Äthiopier um den Olympiadritten Tsegay Kebede und Deriba Merga in 14:59 deutlich schneller gelaufen (10km in 30:08 min). Die Deutschen, die zusammen mit den Russen eine Verfolgergruppe bildeten, folgten in erfürchtigem Abstand in 31:32 Minuten. Das war immerhin noch auf Bestzeitenkurs. Vorne liefen unterdessen fast nur noch Afrikaner. Stark wirkte einzig noch der zweifache New York Marathon Sieger Marilson Dos Santos aus Brasilien. Durch die Verschärfung des Tempos fiel die zunächst 40-köpfige Spitze zusehends auseinander. Nun zeigten sich auch vermehrt die Kenianer an der Spitze, die ein illustres Team mit dem Berlin Zweiten 2007 Abel Kirui (Bestzeit 2:05:04, Rotterdam 2009), dem Boston und Chicago Sieger Robert K. Cheruiyot und Emmanuel Mutai (Bestzeit 2:06:15 Stunden, London 2008) aufbieten konnten. Bei 15 Kilometern, die in 44:57 Minuten passiert wurden (14:50er Abschnitt!) zerrte der Vielstarter Deriba Merga (in diesem Jahr schon Houston und Boston Sieger) aus Äthiopien an der Leine und bald kristallisierte sich eine siebenköpfige Spitzengruppe heraus. Neben dem Olympiavierten waren darunter die drei Kenianer, Dos Santos und Dieudonne Disi, der schon mal beim London Marathon Tempomacher sein durfte.

Zweikampf Kenia gegen Äthiopien

Das Tempo sollte noch schneller werden, denn der Abschnitt von 15 auf 20 Kilometer wurde von den Äthiopiern meist in Front in 14:45 Minuten runtergespult. Es deutete sich der Klassiker Äthiopien gegen Kenia an. 20 Kilometer wurden in 59:42 Minuten durchlaufen. Die Deutschen Beckmann und Pollmächer folgten auf dem ungefähr 50. Rang in 63:29 Minuten. Falk Cierpinski quälte sich rund 60 Meter dahinter mit Seitenstichen. Bei Halbmarathon hatte die Spitze 63:03 Minuten, die Deutschen Beckmann und Pollmächer auf Platz 55 und 56 liegend 67:03 Minuten, Cierpinski auf dem 65. Platz 67:23 Minuten. Tobias Sauter der Vierte im Bunde lag bei seiner ersten Nominierung abgeschlagen in schwachen 71:26 Minuten bereits auf Platz 80. Vorne fiel zunächst Dos Santos raus, dann der Olympiadritte Kebede. Die Kenianer übernahmen zunehmend das Heft in die Hand. 25 Kilometer wurden in 1:14:38 Stunden durchlaufen, immer noch mit 14:56 Minuten ein sehr schneller Abschnitt. Die drei Kenianer, Deriba Merga und Dieudonne Disi waren noch im Boot. Doch der sollte bald das nächste Opfer der Hatz werden. Bei 27,5 Kilometer stieg der schnelle Halbmarathonläufer aus. Seine bisherige Bestzeit von 2:12 Stunden passte auch nicht ganz zu dem knallharten 2:06er Tempo der Ostafrikaner.

Kenianischer Dreifach Erfolg möglich

Nun waren die Kenianer und Äthiopier endgültig unter sich. Mutai, Kirui und Cheruiyot liefen mit breiter Brust vor dem einzig verbliebenen Äthiopier Merga. Dahinter folgten allerdings immer noch in Reichweite seine Landsleute Kebede und Yemane Tsegay. Die Deutschen bildeten mit den Russen immer noch eine achtköpfige Verfolgergruppe, die in 16:00 bis 16:10 Minuten 5km-Abschnitten auf ungefähr Platz 47 und 48 folgten. Cierpinski, der Sohn des zweifachen Olympiasiegers, folgte etwa 15 Sekunden dahinter. 30 Kilometer, die Entscheidung musste bald erfolgen, durchlief die Spitzengruppe in 1:29:43 Stunden (5km Abschnitt 15:05 Minuten). Abel Kirui zeigte sich mehr und mehr an der Spitze und bei 32 Kilometern konnte zunächst Landsmann Cheruiyot nicht mehr mithalten. Es sollte nicht nichts mehr aus dem möglichen "Sweep", also Gold, Silber und Bronze für Kenia werden. Die Deutschen folgten über sechs Minuten dahinter. Während Pollmächer sich absetzen konnte und seine Aufholjagd startete, bekam Cierpinski mehr und mehr Schwierigkeiten.

Pollmächers Aufholjagd

Wer würde Weltmeister? Wer würde den Weltcup, die Mannschaftswertung gewinnen. Beides war noch völlig offen. Merga, nervös und breitarmig laufend, sich immer wieder seitlich umdrehend? Kirui, der Mann mit der besten Vorleistung aller Starter, der Kopf und Schulter zu rechten Seite neigend immer mehr an der Spitze zu sehen war? Oder sollte etwa Tsegay Kebede, der schon bei den Olympischen Spielen von hinten noch einmal als Dritter in die Medaillenränge lief nochmals aufschließen? Bei 35 Kilometern 1:45:56 Stunden (15:13er Abschnitt) mußte Merga seinen vielen Starts über Marathon und Halbmarathon Tribut zollen und fiel zurück. Später stieg er sogar aus, vielleicht um wieder einen City Marathon zu laufen? Pollmächer sammelte unterdessen ermüdende Läufer ein und arbeitete sich langsam Platz um Platz nach vorne. Bei 35 Kilometern lag er etwa auf Platz 32. Beckmann war auf dem 42. Platz.

Abel Kirui holt dritten Weltmeistertitel für Kenia

Bei 37 Kilometer fiel die Entscheidung. Der Aktivste, Abel Kirui, der auch schon den Wien Marathon gewinnen konnte, löste sich von seinem Landsmann Mutai. Schnell entstand eine größere Lücke und Kirui lief nach 40 Kilometern in 2:00:10 Stunden (15:14er Abschnitt) unbedrängt seinem größten Erfolg zu. Immerhin hatte Kenia den Titel von Landsmann Luke Kibet, der nicht antrat, von Osaka zu verteidigen. Das tat Kirui bravourös in neuem Weltmeisterschaftrekord von 2:06:54 Stunden. Bereits 1987 sicherte Douglas Wakihuri für Kenia den ersten WM Titel im Marathonlauf. Auch für Mutai, der sich auf der langen Zielgerade "Unter den Linden" und im Ziel mehrfach übergeben musste, war Silber in 2:07:48 Stunden schon in trockenen Tüchern. Kebede taktisch erneut klug laufend sicherte wenigstens Bronze in 2:08:35 Stunden für die geschlagenen Äthiopier. Undankbarer Vierter wurde sein Landsmann Yemane Tsegay und als Fünfter sicherte Robert K. Cheruiyot den Kenianern auch den Mannschaftssieg in der Weltcup Wertung. Immerhin gab das noch ein Extrasalär von $20.000 Dollar. Kirui kassiert für seine Mühe zusätzlich die $60.000 Dollar Weltmeisterprämie. Kirui und Mutai feierten im Ziel ausgelassen den Sieg. Der Weltmeister meinte im Interview hinterher: "Es war gutes Wetter, nicht so heiß wie in den Vortagen. Von meinen früheren Läufen habe ich Berlin in guter Erinnerung. Es ist ein tolles Publikum. Mit meiner Zeit bin ich für ein Meisterschaftsrennen zufrieden."

Pollmächers Rücktritt nach seinem schönsten Lauf

Als Bester des DLV-Quartetts kam der Chemnitzer André Pollmächer bei seiner Aufholjagd noch auf den 18. Platz in 2:15:36 Stunden ins Ziel. Damit wuchs er zwar nicht über sich hinaus, lieferte aber ein solide Leistung ab. Im Interview sagte er hinterher: "Die Taktik war gleichmäßig zu laufen. Ich bin rundum zufrieden." Auf Nachfrage nach seinem angekündigten Karriereende, um eine Trainerstelle anzutreten entgegnete der 26-jährige Europacup Sieger 2007 über 10.000m: "Meine sportliche Karriere ist definitiv zuende. Aber das war mit Abstand mein schönster Lauf, den ich jemals gemacht habe!" Seinen überraschenden Rücktritt verkündete der Chemnitzer bereits vor der WM. Er steht wohl auch im Zusammenhang mit den Vorwürfen an seinen zurückgetretenen Trainer Bernd Dießner. Der ehemalige Europameisterschaftsdritte im 5.000 Meterlauf 1966 hatte als Trainer in der DDR einige Spitzenathleten hervorgebracht, darunter die olympischen Medaillen Gewinner Ulrike Bruns, Jens-Peter Herold und Jürgen Straub sowie den Europameister Olaf Beyer. Im ZDF Magazin Frontal21 wurde der 63-Jährige am 10.8.2009 mit seinen trainingsbegleitenden Methoden konfrontiert. So sei er im Mai dieses Jahres wegen Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz zu einer Geldstrafe von 4.500 Euro verurteilt worden. Dießner habe teilweise minderjährigen Athletinnen ein Sammelsurium von in Deutschland nicht zugelassenen Nahrungsergänzungs- und Arzneimitteln verabreicht. Gegen das noch nicht rechtskräftige Urteil hat Dießner allerdings Berufung eingelegt.

Deutsches Team mit Licht und Schatten

Und der Rest der deutschen Mannschaft? Ordentlich schlug sich als zweitbester Deutscher der Leinfeldener Martin Beckmann. In 2:18:08 Stunden lieferte er als 34. Plazierter einen Sicherheitslauf für das Team ab. Etwas von der Rolle scheint der mit viel Vorschusslorbeeren bedachte Falk Cierpinski in dieser Saison zu sein. Mit Seitenstechen kam er als 2:22:36 Stunden nicht über den 50. Platz hinaus. Als 66.Plazierter und damit Fünftletzter zahlte Tobias Sauter, ebenfalls aus der "Cierpinski Trainingstruppe", in 2:35:43 Stunden offenbar erst mal Lehrgeld bei seiner Premiere im Nationaltrikot. Den Weltcup gewann Kenia in 6:25:28 Stunden vor Äthiopien (6:32:26) und Japan (6:41:05). Das deutsche Team wurde Neunter.

1. Abel Kirui KEN 2:06:54
2. Emmanuel Kipchirchir Mutai KEN 2:07:48
3. Tsegay Kebede ETH 2:08:35
4. Yemane Tsegay ETH 2:08:42  
5. Robert Kipkoech Cheruiyot KEN 2:10:46  
6. Atsushi Sato JPN 2:12:05  
7. Adil Ennani MAR 2:12:12  
8. José Manuel Martínez ESP 2:14:04  
9. José Moreira POR 2:14:05  
10. Luís Feiteira POR 2:14:06  
11. Masaya Shimizu JPN 2:14:06  
12. Norman Dlomo RSA 2:14:39  
13. Fernando Silva POR 2:14:48  
14. Satoshi Irifune JPN 2:14:54  
15. Dejene Yirdaw ETH 2:15:09  
16. Marilson dos Santos BRA 2:15:13  
17. Johannes Kekana RSA 2:15:28  
18. André Pollmächer GER 2:15:36  
19. Adriano Bastos BRA 2:15:39  
20. Oleg Kulkov RUS 2:15:40  
21. Martin Dent AUS 2:16:05  
22. Coolboy Ngamole RSA 2:16:20  
23. José de Souza BRA 2:16:40  
24. Daniel Browne USA 2:16:49  
25. Reid Coolsaet CAN 2:16:53  
26. Rachid Kisri MAR 2:17:01  
27. Yuriy Abramov RUS 2:17:04  
28. Phaustin Baha Sulle TAN 2:17:11  
29. Ser-Od Bat-Ochir MGL 2:17:22  
30. Andrew Letherby AUS 2:17:29  
31. Daniel Kipkorir Chepyegon UGA 2:17:47  
32. Simon Munyutu FRA 2:17:53  
33. Dylan Wykes CAN 2:18:00  
34. Martin Beckmann GER 2:18:08  
35. George Majaji ZIM 2:18:37  
36. Matt Gabrielson USA 2:18:41  
37. Alejandro Suárez MEX 2:18:55  
38. Chia-Che Chang TPE 2:19:32  
39. Kazuhiro Maeda JPN 2:19:59  
40. Khalid Kamal Yaseen BRN 2:20:11  
41. James Kibocha Theuri FRA 2:20:24  
42. Roman Kejžar SLO 2:20:25  
43. Song-Chol Pak PRK 2:21:12  
44. Driss El Himer FRA 2:21:19  
45. Mikhail Lemaev RUS 2:21:47  
46. Myongseung Lee KOR 2:21:54  
47. Mark Tucker AUS 2:21:57  
48. José Amado García GUA 2:22:00  
49. Carlos Cordero MEX 2:22:16  
50. Falk Cierpinski GER 2:22:36  
51. Hyon U Ri PRK 2:22:48  
52. Costantino León PER 2:23:34  
53. Andrew Smith CAN 2:24:48  
54. Samir Baala FRA 2:25:12  
55. Juan Gualberto Vargas MEX 2:25:26  
56. Giitah Macharia CAN 2:25:40  
57. Getuli Bayo TAN 2:25:52  
58. Scott Westcott AUS 2:26:02  
59. Nelson Cruz CPV 2:27:16  
60. Andrea Silvini TAN 2:28:48  
61. Arata Fujiwara JPN 2:31:06  
62. Valery Pisarev KGZ 2:31:32  
63. Nate Jenkins USA 2:32:16  
64. Wodage Zvadya ISR 2:34:58  
65. Myong-Ki Lee KOR 2:35:12  
66. Tobias Sauter GER 2:35:43  
67. Pedro Nimo ESP 2:36:39  
68. Tesfayohannes Mesfin ERI 2:39:51  
69. Geuntae Yook KOR 2:40:47  
70. Sangay Wangchuk BHU 2:47:55  
  Stephen Loruo Kamar BRN DNF  
  Franklin Tenorio ECU DNF  
  Yared Asmerom ERI DNF  
  Yonas Kifle ERI DNF  
  Rafael Iglesias ESP DNF  
  Deressa Chimsa ETH DNF  
  Deriba Merga ETH DNF  
  Loïc Letellier FRA DNF  
  Benjamin Kolum Kiptoo KEN DNF  
  Youngjun Ji KOR DNF  
  Sechaba Bohosi LES DNF  
  Abderrahim Goumri MAR DNF  
  Reinhold Ndalikokule Iita NAM DNF  
  Michael Aish NZL DNF  
  Mubarak Hassan Shami QAT DNF  
  Dieudonné Disi RWA DNF  
  Lucian Disdery Hombo TAN DNF  
  Christopher Isengwe TAN DNF  
  Nicholas Kiprono UGA DNF  
  Amos Masai UGA DNF  
  Justin Young USA DNF  
  Ruggero Pertile ITA DNS  
  Kensuke Takahashi JPN DNS  
  Daniel Rono KEN DNS  
  Junhyeon Hwang KOR DNS  
  Ali Mabrouk El Zaidi LBA DNS  
  Jaouad Gharib MAR DNS  
  Edwardo Torres USA DNS  
   
   

Die Weltmeisterin Bai aus China bei 35 km. Daneben die Dritte Mergia (ETH) und die Gewinnerin der Silbermedaille Ozaki (JPN)
(Foto, Copyright: Herbert Steffny)

Marathon Frauen (23.8.2009)

Chinesinnen gewinnen Einzel- und Weltcup-Teamwertung

Bei sonnig warmem Wetter (bis 24 C) fand am letzten Tag der Marathon der Frauen mit 73 Starterinnen statt, allerdings ohne die deutsche Gold-Hoffnung Irina Mikitenko. Familiäre Gründe, der Tod des Vaters, nahmen ihr die notwendige Konzentration auf die WM. Im letzten Jahr waren es Rückenprobleme, die sie an der Teilnahme an den Olympischen Spielen in Peking hinderten. Vielleicht entging der Weltjahresbesten aus Wattenscheid somit zum zweitenmal der Titel. Auf einen lukrativen Start bei einem Herbstmarathon (New York) kann man wetten. Immerhin führt sie in der World Marathon Majors Wertung wo es um zusätzliche 500.000 Dollar geht. Auch Melanie Kraus konnte infolge von Rückenproblemen nicht mehr in Berlin antreten. Somit ruhten die deutschen Hoffnungen auf Sabrina Mockenhaupt und der Teamwertung mit Susanne Hahn, Luminita Zaituc und der nachnominierten Ulrike Maisch.

Moderater Start - Mocki beginnt zu verhalten

Das Rennen startete verhalten, die ersten fünf Kilometer waren mit 17:42 Minuten lediglich auf Kurs knapp unter 2:30 Stunden. 16 Sekunden dahinter folgten in einer eigenen Gruppe Mockenhaupt, Hahn und Zaituc. Maisch lief mit 18:08 Minuten noch bedächtiger an. Fraglich warum Mockenhaupt hier das moderate Tempo der Spitze nicht mitging? Erst bei 10 Kilometer verabschiedete sich Mocki von ihren Landsfrauen, um sich endlich nach vorne zu orientieren. Sie lag allerdings bei 15 Kilometern als 39.Plazierte bereits 1:38 Minuten hinter der rund 25-köpfigen Führungsgruppe, in der mal die Chinesinesinnen, mal die Russinnen oder die Japanerinnen den Ton angaben.


Mockis Aufholjagd - Zaituc steigt aus

Das Rennen wurde nun etwas flotter. Die Spitze passierte die 20 Kilometermarke in 1:09:49 Stunden, was auf eine 2:27er Zeit hindeutete. Die Halbmarathonmarke in 1:13:39 Stunden. Mocki forcierte derweil, vielleicht zu heftig, denn trotz höherem Tempo der Frontläuferinenn verkürzte die Siegerländerin den Abstand auf 1:11 Minuten. 25 Kilometer durchlief die nun von den Äthiopierinnen angeführte Gruppe in 1:27:30 Stunden, was immer noch auf eine 2:27er Zeit rauslief. Mockenhaupt verkürzte den Abstand auf nur noch 56 Sekunden, indem sie mit 17:22 Minuten erneut einen sehr schnellen Abschnitt auf den Asphalt legte. Sie lag nun bereits auf dem 28. Platz. Die Spitzengruppe reduzierte sich auf rund 15 Läuferinnen. Die 40-jährige Luminita Zaituc war da schon ausgestiegen. Sie bekam Magenprobleme, weil sie sich unterwegs in der Flasche vergriff und die von Ulrike Maisch nahm. "Da war irgendetwas mit Honig und Tee drin. Mir wurde schlecht davon!" sagte sie mir enttäuscht am Streckenrand vor dem Brandenburger Tor. Das deutsche Team schrumpfte auf nur noch drei Läuferinnen. Die nun alle durchkommen mussten.

Russinnen forcieren - China kontert

Während der frühere US-amerikanische Olympia-Marathonteilnehmer Gary Fanelli, heute ein Paradiesvogel im Aloha Hemd im Start Zielbereich "Top of the world" sang und der Gastgeberstadt das Kompliment machte: "Berlin you are the best, I love you!" kam das Rennen in die entscheidende Phase. Bei 28 Kilometer lag die hochgerechnete Zeit immer noch im 2:27er Bereich, aber dann forcierten die Russinnen um Yailiya Yulamanova und die Äthiopierinnen setzen nach. Dem höheren Tempo fiel eine nach der anderen zum Opfer, auch die Russinnen selbst. Bei 35 Kilometern war nur noch drei, nämlich die Chinesin Xue Bai, die Äthiopierin Aselefech Mergia und die Japanerin Yoshimi Ozaki in Front. Yulamanova folgte gezeichnet und mit Seitenstichen, fiel aber noch auf Platz acht zurück. Sie musste noch das chinesische Duo Xiaolin Zhu und Chunxiu Zhou, die Portugiesin Marisa Barros (6. in 2:26:50) und die Japanerin Yuri Kano vorbeiziehenlassen.

Wo bleibt Mocki?

Doch wo bleibt Mocki? Offenbar war die zwischenzeitliche Tempoverschärfung doch zu heftig, denn ihr Elan erlahmte. Bei Kilometer 35 war sie auf Platz 18, im Ziel in 2:30:07 Stunden bei ihrem dritten Marathon nur noch eine Position besser. Wäre sie von Anfang an etwas gleichmäßiger gestartet, wäre wohl mehr drin gewesen. Taktisch muss sie sicherlich noch dazulernen. Zu berücksichtigen ist allerdings, dass sie urspünglich die 10.000 Meter laufen wollte, wo durchaus ein Platz 10 drin gewesen wäre. Wegen der aussichtsreichen "Medaille-Mit-Mikitenko-Mannschaft" schwenkte sie richtigerweise auf den Marathon um. Nach der Absage "Mikis", wollte sie das Rumpfteam aber nicht mehr im Stich lassen. Das ist ihr hoch anzurechnen.

Erstes Marathongold für China

Erst auf dem letzen Kilometer erfolgte auf der langen Zielgeraden "Unter den Linden" die Entscheidung. Die Chinesin Xue Bai setzte sich von der Äthiopierin Aselefech Meriga ab, die letztlich als Dritte (2:25:32 Stunden) noch die Japanerin Yoshimi Ozaki (2:25:25) vorbei lassen musste. Der Titel in 2:25:15 Stunden war für die erst 20-Jährige selbst eine Überraschung. Es war das erste WM Gold für Chinas Marathonläuferinnen. Landsfrau Chunxiu Zhou holte 1997 in Osaka Silber. Diesmal sollte sie undankbare Vierte in 2:25:39 Stunden werden. Als Fünfte besiegelte Xiaolin Zhu in 2:26:08 Stunden den chinesischen Teamerfolg im Marathon Weltcup vor Japan und Russland. Kara Goucher, durchaus eine Siegkandidatin für die USA wurde als Zehnte ihrem eigenem Anspruch nicht gerecht. Sie hatte angekündigt von Anfang an Druck zu machen. Davon war allerdings beim Schützling des früheren New York Marathon Siegers Alberto Salazar nicht viel zu sehen. Susanne Hahn mühte sich auf einen 34. Platz in mäßigen 2:38:39 Stunden. In Mainz 2008 und Düsseldorf 2009 hinterließ die Saarbrückerin einen deutlich stärkeren Eindruck.

1. Xue Bai  CHN 2:25:15
2. Yoshimi Ozaki  JPN 2:25:25
3. Aselefech Mergia  ETH 2:25:32
4. Chunxiu Zhou  CHN 2:25:39  
5. Xiaolin Zhu  CHN 2:26:08  
6. Marisa Barros  POR 2:26:50  
7. Yuri Kano  JPN 2:26:57  
8. Nailiya Yulamanova  RUS 2:27:08  
9. Alevtina Biktimirova  RUS 2:27:39  
10. Kara Goucher  USA 2:27:48  
11. Desireé Davila  USA 2:27:53  
12. Julia Mumbi Muraga  KEN 2:28:59  
13. Weiwei Sun  CHN 2:29:39  
14. Yoshiko Fujinaga  JPN 2:29:53  
15. Svetlana Zakharova  RUS 2:29:55  
16. Bezunesh Bekele  ETH 2:30:03  
17. Sabrina Mockenhaupt  GER 2:30:07  
18. Lisa Jane Weightman  AUS 2:30:42  
19. Zivilé Balciünaite  LTU 2:31:06  
20. Kum-Ok Kim  PRK 2:31:24  
21. Irene Limika  KEN 2:31:29  
22. Lidia Simon  ROU 2:32:03  
23. Dire Tune  ETH 2:32:42  
24. Beata Naigambo  NAM 2:33:05  
25. Alessandra Aguilar  ESP 2:33:38  
26. Epiphanie Nyirabarame  RWA 2:33:59  
27. Atsede Baysa  ETH 2:36:04  
28. Tera Moody  USA 2:36:39  
29. Olga Glok  RUS 2:36:57  
30. Paige Higgins  USA 2:37:11  
31. Yukiko Akaba  JPN 2:37:43  
32. Lyubov Morgunova  RUS 2:38:23  
33. Yong-Ok Jong  PRK 2:38:29  
34. Susanne Hahn  GER 2:38:39  
35. Mary Davies  NZL 2:38:48  
36. Tara Quinn-Smith  CAN 2:39:19  
37. Risper Jemeli Kimaiyo  KEN 2:39:23  
38. Patrizia Morceli  SUI 2:39:37  
39. Sun Suk Yun  KOR 2:39:56  
40. Judith Ramírez  MEX 2:40:18  
41. Fiona Docherty  NZL 2:40:18  
42. Un Suk Phyo  PRK 2:40:39  
43. Adriana Aparecida da Silva  BRA 2:40:54  
44. Shireen Crumpton  NZL 2:41:31  
45. Tanith Maxwell  RSA 2:41:48  
46. Annemette Aagaard  DEN 2:42:03  
47. Martha Komu  KEN 2:42:14  
48. Chol Sun Kim  PRK 2:42:18  
49. Patricia Lossouarn  FRA 2:42:40  
50. Laurence Klein  FRA 2:42:47  
51. Zoila Gómez  USA 2:42:49  
52. Renalda Kergyte  LTU 2:45:28  
53. Ho-sun Park  KOR 2:47:16  
54. Stephanie Briand  FRA 2:48:16  
55. Yamna Oubouhou  FRA 2:50:02  
56. Helalia Johannes  NAM 2:50:19  
57. Sandra Ruales  ECU 2:50:36  
58. Jane Suuto  UGA 2:52:44  
59. Cecile Moynot  FRA 2:54:21  
60. Nuta Olaru  ROU 3:00:59  
  Magdaliní Gazéa  GRE DNF  
  Maria Zeferina Baldaia  BRA DNF  
  Robe Guta  ETH DNF  
  Ulrike Maisch  GER DNF  
  Luminita Zaituc  GER DNF  
  Yeoryía Abatzídou  GRE DNF  
  Helena Loshanyang Kirop  KEN DNF  
  Victoria Poludina  KGZ DNF  
  Sun-young Lee  KOR DNF  
  Dulce María Rodríguez  MEX DNF  
  Luvsanlkhundeg Otgonbayar  MGL DNF  
  Clara Morales  CHI DNS  
  Luminita Talpos  ROU DNS  


Marathon-Bilanz und Kommentar:

Deutsche Frauen enttäuschten wie bei den Männern

60 Läuferinnen kamen bei den Damen ins Ziel. Die deutsche Mannschaft platzte als die weit hinterher laufende Ulrike Maisch auch noch aufgab. Sicherlich war sie spät nachnominiert worden, aber dass überhaupt keine Mannschaft mehr ins Ziel kam, stimmt bedenklich. Von insgesamt sechs Vor- bzw. Nachnominierten Frauen passten zwei im Vorfeld und zwei im Rennen. Nur zwei kamen mit Standardleistungen durch. Ähnlich wie bei den Männern nutzte niemand den Heimvorteil, um sich nach vorne zu profilieren. Das Männerteam wurde nur blasser Neunter. Die Chance sich im eigenen Land mit dieser Medienöffentlichkeit zu präsentieren ist vertan und kommt so schnell nicht wieder. Es machte den Eindruck, dass alle Energie bei der Qualifikation verpulvert wurde, aber zum eigentlichen Höhepunkt der Meisterschaft konnten die AthletInnen nichts mehr zusetzen. Im Gegenteil! Dabei hatte der Verband ziemlich großzügig nominiert. Schade, es steht zu befürchten, dass der deutsche Marathonlauf noch weiter abdriftet. Der erst 26-jährige Pollmächer schmeißt seine gerade erst begonnene Marathonkarriere nach drei Marathons vorzeitig hin. Dabei schaffen die Weltbesten ihre Bestzeit im Durchschnitt erst nach dem siebten Marathon! Er könne sich nicht mehr so richtig im Training quälen. Pollmächer möchte Trainer werden - was bringt er eigentlich dann seinen Schützlingen bei? Im nächsten Jahr sind Europameisterschaften in Barcelona. Da sind die Afrikanerinnen, Chinesinnen, Japanerinnen und Amerikanerinnen nicht dabei. Wenn das keine Herausforderung ist? Was braucht man sonst noch an Motivation? Ein Hoffnungsschimmer war auch schon die WM im eigenen Lande. Hoffentlich geht das Trauerspiel nicht so weiter...

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